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Das perfekte Stück zur politischen Lage – „Nationalstraße“ am Staatsschauspiel Dresden

Ich konnte es sehen und hören, dass es zwei Tage vor der Bundestagswahl in Dresden brodelte. Zum Beispiel an den Wahlplakaten von SPD und CDU, die mit „Volksverräter“-Stickern überklebt waren. Oder an den zwei älteren Männern, die sich lauthals vor dem goldenen Reiter über die Politiker und Bonzen „da oben“ aufregten, die endlich mal einen Denkzettel bräuchten. Oder daran, dass sich in der „Sächsischen Zeitung“ Leute mit Foto und Namen offen dazu bekannten, AfD zu wählen. Das der Denkzettel so deutlich zugunsten der rechtsextremen Partei ausfallen würde, hat selbst meine schlimmsten Befürchtungen übertroffen.

Die Premiere des Theaterstücks „Nationalstraße“ nach dem gleichnamigen Roman des tschechischen Schriftstellers Jaroslav Rudiš am Staatsschauspiel Dresden passte perfekt zu dieser Stimmung. Denn es gärt nicht nur in Dresden, in Sachsen, in (Ost-)Deutschland. Es gärt auch in Tschechien und anderen Ländern Europas. Der Protagonist Vandam spricht auf der Bühne das aus, was viele Menschen in diesen Ländern denken: „Es schreit nach einer Aktion. Mir kommt es vor, als müssten wir unseren Politikern endlich eine Lektion erteilen“.

Schauspieler Verdelis als Vandam

Vandam, der Schläger, Säufer und Wendeverlierer, könnte auch gut aus Sachsen kommen.

Vandam, der Nationalist, der Säufer, der Schläger. Vandam, der Verlierer der samtenen Revolution. Vandam, für den es nach der Wende 1989 nur noch bergab geht, der seinen Job als Polizist verliert, der sich mit Gelegenheitsarbeiten durchschlägt und letztlich als Lackierer bei Wind und Wetter die Dächer seiner Plattenbausiedlung streicht, so dass die rote Farbe dauerhaft an seinen Händen klebt wie Blut. Vandam, der die verlogenen Versprechen der Politiker satt hat. Vandam, der nicht will, dass Fremde in seine Plattenbausiedlung kommen und die er dagegen verteidigen muss. Vandam, der von sich sagt, er sei kein Nazi, aber Schwule, Ausländer und Zigos trotzdem raus haben möchte aus seiner Welt. Vandam, der im Stehen pinkelt und Frauen auch mal eine runterhaut, wenn er keine Worte findet. Vandam könnte verdammt gut auch in Dresden wohnen.

Regisseurin Mina Salehpour hat sich dafür entschieden, eng am Original zu bleiben. Sie inszeniert das Buch als 80minütigen Monolog Vandams. Das Bühnenbild ist puristisch. Ein mit weißen Platten sich nach hinten verjüngender Raum symbolisiert die Enge der Plattenbausiedlung und die begrenzte Welt Vandams. Vandam, gespielt von Simon Verdelis, trägt weiß gefärbte Sachen und Schuhe. Nur die roten Hände, mit denen er das Gesagte mal mehr, mal weniger mit Gesten untermalt, bieten einen Kontrast. Nichts lenkt von den Worten, den Ansichten, den Aussagen Vandams ab, die Simon Verdelis so intensiv herüberbringt, dass man angesichts des Inhalts zuweilen zusammenzuckt. Und trotzdem verleiht er Vandam die Ambivalenz, die er auch im Buch besitzt. Dass man ihn nicht nur verurteilt, sondern ihm auch sympathische Seiten abgewinnt. Und, wie im Buch, über einige Aussagen sogar lachen kann.

Fresken am Zwinger in Dresden

Der Frieden ist nur eine Pause zwischen zwei Kriegen. (Vandam)

Die Originaltreue ist vor allem für diejenigen, die das Buch nicht gelesen haben, eine große Stärke der Inszenierung. Leider funktioniert sie nicht für den Teil des Romans, der aus personaler Sicht geschrieben wurde. In der Inszenierung wurde dieser Teil einfach in die Ich-Perspektive übertragen, was logisch nicht funktioniert. Ein Vandam, der schläft, kann Sylva, die inzwischen seine Wohnung inspiziert, nicht dabei beobachten. Dass der personale Text quasi als Echo zum Monolog vom Band eingespielt wird, macht es leider schwer, diesen Teil akustisch überhaupt zu verstehen. An dieser Stelle hätte ein Lösen vom Original gut getan. Davon abgesehen überzeugen sowohl die Inszenierung als auch Schauspieler Simon Verdelis. Nach der Premiere gab es minutenlangen Applaus.

Zum Schluss stirbt Vandam übrigens, totgeprügelt von ehemaligen Polizeikollegen. Adolf Hitler hat ihm nicht das Leben gerettet. Genauso wenig wie die AfD irgendjemanden die vermeintlich heile und sichere Welt von früher zurückbringen wird. Bleibt nur zu hoffen, dass sich diese Einsicht bis zu den nächsten Landtagswahlen in Sachsen durchsetzt.

Weitere Informationen zur Inszenierung und alle Termine gibt es auf der Seite des Staatsschauspiel Dresden.

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