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Reise nach Sondervorschrift – Zuglauf überwacht

Mein Auslandssemester während meines Studiums zur Diplomübersetzerin für Englisch und Tschechisch verbrachte ich in Tschechien. Die Vorlesungen an der Vysoká škola ekonomická (Hochschule für Wirtschaft) in Jindřichův Hradec konnte ich glücklicherweise so legen, dass ich nur dienstags bis donnerstags in die Uni musste, das verlängerte Wochenende hatte ich frei. An diesen Tagen bin ich nicht etwa nach Deutschland gefahren, sondern habe mir alle Orte, die mir in Tschechien interessant vorkamen, angesehen.

Ich habe in der Brauerei Urquell in Plzeň, in der Brauerei Budvar in České Budějovice und in der Brauerei Staropramen in Prag Bier verkostet, obwohl ich es eigentlich nicht besonders mag. Viel lieber trinke ich Wein, den ich bei der Weinlese in Mikulov, Znojmo und Valtice probiert habe, vom Burčák (Federweiser) und dem schwerem Kopf am nächsten Morgen ganz zu schweigen. Ich habe im Lipno-Stausee gebadet, mir den Zusammenfluss von Elbe und Moldau vom Schloss in Mělník aus angesehen, habe in Beroun an der Berounka gelegen und Hrabal gelesen und bin an der Nežárka entlanggewandert. Das Gesicht des Wirtes in der kleinen Kneipe „Pod hradem“ direkt am Fluss werde ich nie vergessen, als ich Bier und Sprite bestellte und die Sprite dann ins Bier kippte.

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Warteraum in der Pension „Zum Bahnel“ Jonsdorf

Ich bin durch das Riesengebirge und das Isergebirge gewandert. Schade nur, dass ich Gustav Ginzl in seinem Misthaus in Jizerka nicht mehr antraf. Bei einer Wanderung durch den Böhmerwald mit Halt in Vimperk bekam ich in der Konditorei am Markt einen Teller Napoleonrollen (Blätterteigröllchen mit Sahne) geschenkt, weil ich bei einem Kaffee die Geschichte der Röllchen vom Tschechischen ins Deutsche übersetzt habe. Unvergesslich auch die Laubfärbung in der Böhmischen Schweiz.

Um auf den Kirchturm in Hradec Králové zu steigen, musste ich mächtig mit meiner Höhenangst kämpfen, konnte man doch zwischen den Holzstufen bis fast nach unten sehen. Erstaunlich klein war dagegen die Kirche in Žďár nad Sázavou, die die Form eines Sterns hat und von sternförmigen Mauern umgeben ist, die einen kleinen Friedhof umschließen. Aus dem alten verfallenen jüdischen Friedhof in Jindřichův Hradec bin ich nur mit Mühe wieder herausgekommen. Er liegt auf einem Feld vor der Stadt. Da die Felderde über die Jahre langsam an die Mauern herangeschoben wurde, konnte ich leicht hineinklettern. Die glatten Steinmauern von innen, die viel höher waren, konnte ich nur wieder hochklettern, indem ich mir eine Treppe aus herumliegenden Steinen baute. Nach fast zwei Stunden, abgebrochenen Fingernägeln, aufgeschürften Beinen und klopfendem Herzen hatte ich es schließlich geschafft.

Ich stand auf den wunderschönen Marktplätzen in Telč, Prachatice, Liberec und Brünn, aber die schönste Stadt Tschechiens ist und bleibt Český Krumlov für mich. Valtice, Karlštejn und Červená Lhota sind vielleicht die schönsten Schlösser bzw. Burgen, wobei ich von den 2000 Stück, die es in Tschechien gibt, bisher nur einen Bruchteil gesehen habe. Ich suchte nach Spuren von Franz Kafka in Prag und in Kersko, Nymburk und Kladno nach den zauberhaften Orten aus Bohumil Hrabals Büchern.

Zu Weihnachten wollte ich dann aber doch nach Hause fahren. Ich hatte mir eine Verbindung herausgesucht, bei der ich in Jihlava umsteigen musste. Zwar hatte ich nur 12 Minuten Zeit, aber mit einem Rucksack würde ich es sicher schaffen. Der Zug war glücklicherweise pünktlich, ich stand schon an der Tür und stieg in Jihlava město (Jihlava Stadt) aus. Eigentlich hatte ich mir den Bahnhof größer vorgestellt, Jihlava ist schließlich eine mittelgroße Kleinstadt. Sollte es da wirklich nur ein Gleis geben? Und wo stand der Anschlusszug?

Irritiert ging ich zum Fahrkartenschalter, wo mir die Frau erklärte, dass ich in Jihlava Hlavní nádraží (Jihlava Hauptbahnhof) hätte aussteigen müssen. Ich war auf die Bezeichnung „Stadt“ hereingefallen! Der Zug war inzwischen natürlich weitergefahren, mit dem Taxi würde es mindestens 20 Minuten dauern, meinte die Frau. Da stand ich nun mit meinem Rucksack in der Bahnhofshalle und kämpfte mit den Tränen. Eine andere Verbindung nach Zittau gab es an diesem Tag nicht mehr. Was also tun? Nach Jindřichův Hradec zurückfahren?

Die Frau hinter dem Schalter telefonierte, kam kurz darauf heraus und winkte mich zum Bahnsteig. Da kam eine Lokomotive angefahren, die direkt vor mir hielt. Der Fahrer bedeutete mir einzusteigen. Ungläubig schaute ich erst die Frau, dann ihn an, aber da half er mir schon die Leiter hoch. Und so fuhr ich in einer Lokomotive von Jihlava město nach Jihlava Hlavní nádraží. Zum Glück hatte mein Anschlusszug Verspätung, so dass ich doch noch rechtzeitig zu Weihnachten zu Hause ankam.

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