Artikel
0 Kommentare

Wir sammlen keine Objekte, wir erzählen Geschichten

Archiv, Ablage, Dokumentenaufbereitung – darunter habe ich mir immer Keller voller Archivschränke vorgestellt, erhellt vom Licht flackernder Neonlampen. Drinnen staubige Papiere aus längst vergangenen Jahrhunderten und alte Männer, die mit endloser Geduld all das sortieren und ablegen. Diese Vorstellungen haben so gar nichts mit der Dokumentensammlung, der Plakatrestaurierung oder der Gemälderestaurierung des Deutschen Historischen Museums (DHM) zu tun. In diese drei Abteilungen durfte ich bei einer Sonderführung im Vorfeld der Langen Nacht der Museen reinschnuppern.

Aktenschränke im Dokumentenarchiv des Deutschen Historischen Museums

Aktenschränke im Dokumentenarchiv des Deutschen Historischen Museums

Korrespondenz eines Paares aus der Zeit des Ersten Weltkriegs

Korrespondenz eines Paares aus der Zeit des Ersten Weltkriegs

Das Archivgebäude des DHM in der Geschwister-Scholl-Straße ist hell, die Arbeitsräume haben Werkstatt- oder bestenfalls Laborcharakter. Zuerst sehen wir uns in der in der Dokumentensammlung II um, wo Dokumente, die seit dem 1. August 1914 entstanden sind, aufbewahrt werden. Sie umfasst rund 30.000 Exemplare wie Zeitschriften, Flugblätter, Urkunden, amtliche Bescheinigungen, Fotoalben oder Korrespondenz. Zum Beispiel den Briefwechsel eines Paares aus dem Ersten Weltkrieg. In rund 2.250 Briefen tauschten sie sich über ihre Gefühle und persönliche Vorlieben aus. Beide verband beispielsweise eine Neigung zu sado-masochistischen Liebesspielen. In diesem Fall wäre ich gern Archivar, nur um ein bisschen in den Briefen zu schmökern. Denn, so Mitarbeiter Andreas Michaelis: „Wir sammeln keine Objekte, sondern Geschichten.“ Die Kehrseite der Arbeit: Eine Kollegin digitalisiert ausschließlich Flugblätter aus der Zeit der Weimarer Republik. Zu jedem dieser Flugblätter müssen Angaben wie Inhalt, Maße und Zustand erfasst werden. Deshalb ist Sorgfalt das oberste Gebot eines Archivmitarbeiters. Wird zum Beispiel ein Dokument falsch abgelegt, ist es praktisch nicht mehr auffindbar. Eine Revision aller Dokumente würde mehrere Monate dauern.

Doch wie wird die vorhandene Sammlung eigentlich erweitert? Zum einem werden besondere Stücke bei Auktionen erworben, erzählt Sammlungsdirektor und Abteilungsleiter Dr. Arnulf Scriba. Zum anderen durch private Schenkungen. Bevor diese aber angenommen werden wird geprüft, ob es überhaupt Kapazitäten gibt, die Schenkungen entsprechend aufzuarbeiten. Wichtig sei auch die Exklusivität der Stücke. So gäbe es beispielsweise zahlreiche Flugblätter zur Kapitulation der französischen Truppen aus dem Jahre 1871. Eins davon hat jedoch ein Soldat, der an der Schlacht teilnahm, zu jedem Jahrestag ins Schaufenster seines Geschäfts gehängt. Das Flugblatt gemeinsam mit den Erinnerungen des Enkels ergibt dann eine besondere Geschichte, die man bei einer Ausstellung erzählen kann.

Matthes Nützmann erklärt die Schritte, die zur Plakatrestaurierung notwendig sind

Matthes Nützmann erklärt die Schritte, die zur Plakatrestaurierung notwendig sind

Diese Werkzeuge braucht man unter anderem, um Plakate fachgerecht zu restaurieren

Diese Werkzeuge braucht man unter anderem, um Plakate fachgerecht zu restaurieren

Die Plakatrestaurierung gehört zum Bereich Papierrestaurierung und umfasst beeindruckende 80.000 Plakate. Matthes Nützmann kümmert sich deshalb ausschließlich um deren Restaurierung und Erhaltung. Viele Plakate wurden nur zu kurzfristigen Werbezwecken gedruckt. Deshalb ist das Papier, das dafür verwendet wurde, oft dünn und von geringer Qualität. Keine gute Voraussetzung für eine dauerhafte Lagerung. Entsprechend aufwendig sind die Arbeitsschritte, um ein Plakat für nachfolgende Generationen zu konservieren.

Zuerst werden Angaben wie Material, Zustand, Herstellungstechnik und Schäden fotografisch und schriftlich erfasst. Anschließend muss der pH-Wert des Papiers erhöht werden, damit es nicht mehr schimmeln kann. Dazu wird das Plakat gewässert, entsäuert und alkalisch gepuffert, d.h. es wird mit Chemikalien behandelt, die den höheren pH-Wert erhalten. Dann wird auf die Rückseite ein anderes Papier aufkaschiert. In den meisten Fällen ist das Japanpapier aus der Rinde des Maulbeerbaumes, weil es besonders weich und langfaserig ist. Erst dann können Fehlstellen ergänzt, Risse geschlossen, Flecken entfernt und beschädigte Stellen retuschiert werden. Alle Arbeitsschritte werden genau dokumentiert. Besonders wichtig ist, dass nichts ergänzt oder erfunden wird, was nicht schon vorher da war.

Epitaph eines thüringischen Generals, das wieder in den Ursprungszustand versetzt wird

Epitaph eines thüringischen Generals, das wieder in den Ursprungszustand versetzt wird

Ein Röntgenbild gibt Auskunft über den Zustand des Gemäldes

Ein Röntgenbild gibt Auskunft über den Zustand des Gemäldes

In der Gemälderestaurierung arbeitet Restaurator Matthias Lang gerade am Epitaph eines thüringischen Generals. Um das Bild für den Verkauf aufzuhübschen, wurde das Original „ästhetisch“ überarbeitet. Mit einer Schicht aus leicht löslicher Farbe wurde der General „weichgezeichnet“ – Augenringe und Zornesfalte zwischen den Augen verschwanden und ließen ihn milder aussehen. Auch Photoshop hat offensichtlich eine Geschichte. Von dem Epitaph wurde deshalb ein Röntgenbild angefertigt um zu sehen, ob das Gemälde unter der Farbschicht intakt ist. Da das bei dem General der Fall war, kann das Bild nun fachgerecht restauriert werden.

Die Restauratorin Ulrike Hügle beschäftigt sich mit einem besonderen Projekt. Für das Cranach Digital Archive untersucht sie Gemälde von Lucas Cranach dem Älteren, seiner Söhne und seiner Werkstatt. Als wir den Raum betreten, liegen gerade die Porträts von Martin Luther und Katharina von Bora auf dem Untersuchungstisch – ohne Glas und Sicherheitsabstand. So nah bin ich den berühmten Bildern noch nie gekommen. Ulrike Hügle vermisst die Gemälde, macht Röntgenbilder, nimmt Proben vom Holz oder überprüft die Faserrichtung der Leinwand. Gibt es einen Grundiergrat? Sind die Bretter verleimt? Besteht der Originalfirnis aus Harz? Falls diese Fragen mit Ja beantwortet werden können, sind das Hinweise, dass es sich bei den Bildern um Originale handelt.

Martin Luther und Katharina von Bora, zum Greifen nah

Martin Luther und Katharina von Bora, zum Greifen nah

Ulrike Hügle erklärt, woran man die Echtheit der Gemälde erkennen kann

Ulrike Hügle erklärt, woran man die Echtheit der Gemälde erkennen kann

Nicht nur ich wäre gerne noch länger im Archiv des DHM geblieben. Dank der anschaulichen Erklärungen von Leiter Dr. Arnulf Scriba, Archivar Andreas Michaelis, Plakatrestaurator Matthes Nützmann und den Gemälderestauratoren Matthias Lang und Ulrike Hügle konnte ich zwei Stunden lang in die mir vorher unbekannte Welt der Archivierung und Restaurierung eintauchen. Wenn ich mir im Museum wieder einmal eine Ausstellung ansehe, werde ich zukünftig immer an die Menschen hinter den Kulissen denken, die sie durch ihre genaue, detailgetreue und liebevolle Arbeit möglich gemacht haben.

Ergänzung:

Die Objekte aus dem Archiv des Deutschen Historischen Museums sind zu einem großen Teil in einer Datenbank erfasst, in der man online recherchieren kann: Objektdatenbank des DHM

Zum Weiterlesen:

Wer noch mehr erfahren möchte, sollte auch die Blogposts Martin Jungmann und den Kulturfritzen lesen.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.