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Bunt, differenziert und tiefgründig – die Ausstellung Homosexualität_en

Als ich die Einladung zur Führung durch die Ausstellung „Homosexualität_en“ vom Deutschen Historischen Museum bekam, dachte ich zunächst: „Warum sollte ich da hingehen? Eigentlich betrifft es mich ja nicht.“

Aus Neugier habe ich doch zugesagt und erlebte nicht nur eine tolle Führung und interessante Gespräche mit der Kuratorin Birgit Bosold und dem Kurator Detlef Weitz, sondern sah eine Ausstellung, die man sich gerade auch dann ansehen sollte, wenn man sonst nichts mit dem Thema „Homosexualität“ zu tun hat. Zum einen, weil sich der Zustand einer Gesellschaft nicht zuletzt daran bemisst, wie sie mit Minderheiten oder Menschen, die nicht den gängigen Normen entsprechen, umgeht. Zum anderen, weil sie sehr viel mehr zeigt, als einen geschichtlichen Abriss zum Thema Homosexualität und den Kampf um gesellschaftliche Anerkennung.

 

Die Ausstellung „Homosexualität_en“ ist eine Gemeinschaftsausstellung des Schwulen Museums Berlin und des Deutschen Historischen Museums. Im Deutschen Historischen Museum wird anhand von zehn Kapiteln die historische Entwicklung in den Bereichen Gesellschaft, Politik, Kunst, Recht und Wissenschaften beleuchtet. Der Schwerpunkt im im Schwulen Museum liegt dagegen auf einer eher künstlerischen Sichtweise zu Themen wie Geschlechterordnung und Sexualitäten.

Dabei ist die Ausstellung sehr nah dran an den Menschen, um die es geht, denn sie beleuchtet alle Themen anhand persönlicher Geschichten. Auf Bildschirmen sprechen Männer und Frauen über ihr Coming Out und ihre Vorstellungen von Liebe und Zusammenleben, auf den Wänden und Ausstellungstafeln finden sich zahlreiche Zitate und O-Töne. Auch die Objekte stammen teilweise aus privatem Besitz.

Besonders spannend ist die Abteilung „Wildes Wissen“, wo zu alphabetisch geordneten Schlagwörtern entsprechende Gegenstände ausgestellt sind. Dort kann man unter anderem ein Service von Villeroy & Boche sehen, das die Frauenfußballmannschaft für ihren EM-Sieg bekam – im Jahre 1989. Einen Gegensatz dazu bieten die Statements von Politikern in der Abteilung Recht. Dort werden Aussagen wie „Homosexualität verdunkelt das Bild Gottes“ oder „Lassen Sie bitte unsere Kinder in Ruhe“ als O-Töne eingespielt, was in dieser Intensität ziemlich einschüchternd und verstörend wirkt.

 

Im Schwulen Museum erfolgt die Vermittlung der Inhalte vorrangig über Musik und Bilder – dort habe ich zum ersten Mal einen Porno für und mit Frauen und den Film „Deep Gold“ von Julian Rosefeldt gesehen. Besonders ansprechend fand ich den Raum für das Interviewprojekt „What’s next“, in dem Berliner über ihr Leben und ihre Vorstellungen über die Zukunft sprechen. Helle Bänke und bunte Sitzkissen laden nicht nur zum Zuhören, sondern auch zum Nachdenken über sich und seine eigenen Vorstellungen von Partnerschaft, Familie, Sex und Zusammenleben ein.

Beide Ausstellungsteile zusammen ergeben ein buntes, differenziertes und tiefgründiges Bild zum Thema Homosexualität. Schwulen und Lesben wird dabei gleichermaßen Raum eingeräumt wie auch der unterschiedlichen Geschichte der Homosexualität in DDR und BRD. Zudem wird die Ausstellung gleichzeitg dem Anspruch der Kuratoren gerecht: Sie will die Besucher weder überzeugen noch bevormunden – jeder soll sich selbst ein Bild machen.

Weitere Informationen:
Die Ausstellung Homosexualität_en wird noch bis zum 1. Dezember 2015 gezeigt.
Informationen zu den Öffnungszeiten und den Eintrittspreisen gibt es hier.

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