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Kein Ankommen – Rezension zu „Das Schloss“ am Theater Bremen

Nein, es gibt kein Ankommen. K. ist und bleibt ein Fremder im Dorf – ausgegrenzt, unverstanden, ohne Chance auf Integration. So sehr er es auch will, das Schloss kann er nicht erreichen. Er läuft und läuft und läuft, am Anfang voller Tatendrang und Hoffnung, dann verzweifelt, später kämpferisch und zum Schluss resigniert. Nirgends kann er die ersehnte Erlaubnis bekommen, im Dorf zu bleiben und zu arbeiten. K. läuft, aber er läuft auf einem Laufband, Meter um Meter, Minute für Minute und bleibt so trotz aller Anstrengung auf einer Stelle.

Nicht einmal ein persönlicher Brief von Klamm, einem hohen Beamten aus dem Schloss, kann K. weiterhelfen. Die Worte auf dem Papier bedeuten nichts. Sie fliegen in einer Projektion auf dem Bühnenhintergrund wild durcheinander, bis einzelne Buchstaben wie Schneeflocken herunterrieseln. Wertlos.

Doch wer ist K. eigentlich? Jeder der vier Schauspieler spielt abwechselnd den Landvermesser und gibt ihm eine eigene Stimme, die die Strategien K.s widerspiegeln, doch noch ans Ziel zu kommen – mit Vernunft, mit dem Appellieren an das Mitgefühl der Dorfbewohner, mit Trotz oder sich ins Schicksal ergebend. Die wechselnden Rollen können aber auch bedeuten: Jeder kann K. sein, der Fremde, das Opfer, das der bürokratischen Willkür des Schlosses hilflos ausgeliefert ist.

Palakt vor dem Theater in Bremen

Palakt vor dem Theater in Bremen

Allerdings ist K. in der Inszenierung von Regisseur Alexander Riemenschneider nicht nur Opfer. Bedenkenlos gibt er den Druck, dem er ausgesetzt ist, an seine Gehilfen weiter. Beide redet er mit dem gleichen Namen an und spricht ihnen so jedwede Individualität ab. Und das Schankmädchen Frieda, das seine Geliebte wird? Die lässt er fallen als er merkt, dass auch sie ihm nicht weiterhelfen kann.

Das Stück folgt nicht durchgängig einem chronologischen Ablauf. Szenen reihen sich aneinander, Textpassagen werden wiederholt, Themen immer wieder aufgegriffen. Ein Kreislauf ohne Entrinnen, der sich auch im Bühnenbild widerspiegelt. Über die Bühne ist ein Konzertzelt gespannt, das sie wie eine Muschel umschließt. Weiß, denn „der Winter ist lang, und selbst im Sommer fällt manchmal Schnee“.

Obwohl die Schauspieler K. eigene Akzente verleihen, greift das Spiel nahtlos ineinander, Musiker und Schauspieler sind virtuos aufeinander abgestimmt. Das gilt auch für den Wechsel von Sprache und Gesang, von deutschen und tschechischen Texten. Die eigentlich treibende Kraft bei diesem szenischen Konzert ist jedoch die Musik. Düster, melancholisch, ruhig oder aufpeitschend untermalt sie die Szenen und gibt der Aufführung eine weitere Ebene – den Text nicht nur über den Verstand, sondern über Gefühle zu erfassen und zu erfahren.

Die Auswahl der Texte, das virtuose Spiel und die musikalischen Arrangements machen die Inszenierung zu einem besonderen Erlebnis, das fasziniert, gefangen nimmt und nachwirkt. Das Publikum in Bremen belohnte die Premiere mit minutenlangem Applaus.

Schauspieler: Guido Gallmann, Johannes Kühn, Franziska Schubert, Alexander Swoboda
Kafka Band: a.m.almela, Jirí Hradil, Zdenek Jurcík, Dušan Neuwerth, Tomáš Neuwerth, Jaroslav Rudiš, Jaromír 99
Regie: Alexander Riemenschneider
Fassung: Jaroslav Rudiš, Alexander Riemenschneider
Bühne: David Hohmann
Kostüme: Anna Sophia Röpcke
Zeichnungen: Jaromír 99
Video: Jaromír Vondrák
Licht: Christopher Moos
Dramaturgie: Viktorie Knotková

Theater am Goetheplatz Bremen
Premiere am 20.9.2015

Auch veröffentlicht auf www.livekritik.de.

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