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„Vogel fliegt, Fisch schwimmt, Mensch läuft“ – Rezension zur Graphic Novel Zátopek

Emil Zátopek war ein sportliches Ausnahmetalent. Seinen Erfolg verdankte er jedoch hauptsächlich seinem disziplinierten und exzessiven Training, das ihn zum besten Langstreckenläufer seiner Zeit machte. Der Schriftsteller Jan Novák und der Zeichner Jaromír 99 haben Emil Zátopek nun eine Graphic Novel gewidmet. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den Jahren 1937 bis 1952.  In diesen Jahren entwickelte sich Zátopek nicht nur zu einem Spitzensportler von Weltruf, in dieser kurzen Zeitspanne erlebte er auch vier politische Systemwechsel. Die erste Tschechoslowakische Republik musste 1939 dem Protektorat Böhmen und Mähren weichen, 1945 erfolgte die Befreiung bis 1948 schließlich die kommunistische KSČ die Macht übernahm. Das alles hielt Zátopek nicht davon ab, konsequent seinen Weg zu gehen.

Zátopek wuchs im mährischen Kopřivnice in der Tschechoslowakei auf. 1937 schickte ihn sein Vater als Lehrling zu Baťa nach Zlín. Zátopek war damals 15 Jahre alt. Zur Strategie des Baťa-Konzerns gehörte es, den Einfluss auf die Mitarbeiter über den Arbeitsalltag hinaus auszudehnen. Wer bei Baťa arbeitete, wohnte in der werkseigenen Siedlung, aß in den zur Fabrik gehörigen Kantinen und Restaurants und erholte sich in den eigens dafür geschaffenen Parks, Kinos oder Sporteinrichtungen.

Auch der jährlich stattfindende Zlín-Lauf für die männlichen Lehrlinge war verpflichtend. Als der inzwischen 19jährige Zátopek bei diesem Lauf den zweiten Platz belegte, nahm ihn der Trainer des Athletikclubs Baťa, Jan Haluza, unter seine Fittiche. Zátopek begann mit dem regelmäßigen Training – neben acht Stunden Arbeit in der Fabrik und einer weiterführenden Fachausbildung. Allerdings absolvierte er nicht das übliche Ausdauertraining, sondern ein von Haluza entwickeltes Intervalltraining – 20 bis 40 Sprints von 200 m oder sogar 400 m hintereinander, nur unterbrochen von Trabpausen. In der heutigen Zeit, wo Work-Life-Balance, Teilzeitarbeit und Selbstverwirklichung groß geschrieben werden, kann man sich ein dermaßen mörderisches Tagespensum kaum vorstellen. Für Zátopek war diese Schinderei aber nicht nur normal  – er unterwarf sich ihr freiwillig, um als Läufer erfolgreich zu sein.

© Verlag Voland & Quist

Zátopek war übrigens nicht nur hart gegen sich selbst, auch seine Frau trieb er zu sportlichen Höchstleistungen an. In der gemeinsamen Wohnung wurde abends noch an einer eigens dafür eingebauten Sprossenwand trainiert. Die Belohnung: Bei den olympischen Spielen 1952 in Helsinki gewann Dana Zátopková die Goldmedaille im Speerwerfen. Bevor die beiden aber überhaupt heiraten konnten, musste sich Zátopek gegen den Willen seiner Vorgesetzten durchsetzen, denen Danas Familie zu reaktionär war. Erst als er zusagte, Präsident Gottwald beim Parteitag der KSČ eine Fackel zu überreichen, wurde die Hochzeit genehmigt.

Die Idee, Zátopeks ungewöhnliches Leben als Graphic Novel zu Papier zu bringen, ist sehr gelungen. Trotzdem das Buch nur eine relativ kurze Zeitspanne umfasst, greift es unglaublich viele Aspekte aus Zátopeks Leben und der tschechischen Geschichte auf. Die Illustrationen, vorwiegend in dunkelgrün, beige, schwarz und einem warmen rot gehalten, transportieren die entsprechenden Eindrücke: Spannung, Beklemmung, Begeisterung und Euphorie.

Das Buch zeigt aber auch, dass Zátopek nicht nur seinen sportlichen Prinzipien folgte, sondern dass er in allen Lebensbereichen Rückgrat bewies. Zu den Olympischen Spielen in Helsinki wäre Zátopek fast nicht angereist. Der Grund: Die Kommunisten verweigerten dem Nachwuchsläufer Stanislav Jungwirth trotz sportlicher Qualifikation die Teilnahme, da sein Vater als Dissident inhaftiert war. Zátopek blieb mit Jungwirth in Prag zurück, was bei der internationalen Presse für heftige Nachfragen sorgte – schließlich war Zátopek Weltrekordhalter in den meisten Langstreckenkategorien und galt als Favorit. Nach zwei Tagen gab Gottwald nach und ließ beide Sportler nach Helsinki reisen. Der angedrohten Strafe für die unerhörte Erpressung entging Zátopek nur, weil er bei den Spielen eine nie dagewesene Leistung brachte. Innerhalb von acht Tagen gewann er drei olympische Goldmedaillen: über 5.000 m, über 10.000 m und beim Marathon – einer Disziplin, die er vorher noch nie gelaufen war.

 

Gewinnspiel:

Der Verlag Voland & Quist hat mir neben dem Rezensionsexemplar auch ein Buch zur Verlosung zur Verfügung gestellt. Um an der Verlosung teilzunehmen, teilt meinen Beitrag einfach auf Twitter oder Facebook bis zum 15. Mai 2016 und verlinkt den jeweiligen Post unter dem Beitrag in den Kommentaren. Der Gewinner wird am Pfingstmontag  ausgelost. Vielen Dank an Voland & Quist für das Buch!

Buchvorstellung:

In einem Gespräch im Tschechischen Zentrum Berlin stellen Jan Novák und Jaromír 99 ihr Buch am 11. Mai 2016 selbst vor. Beginn ist 19 Uhr, der Eintritt ist frei.

7 Kommentare

  1. Ein toller Beitrag. Sehr umfangreich und interessant gestaltet

    • Vielen Dank! Du bist bei der Verlosung dabei, auch dir viel Glück.

    • Liebe Kathrin, vielen Dank fürs Teilen. Du bist bei der Verlosung dabei, viel Glück!

  2. Hallo Juliane, vielleicht schaffe/n ich/wir es doch noch 🙂 Es ist momentan noch ungewiss.

    • Hallo Tom,
      schade, dass du nicht zur Lesung kommen kannst. Du bist aber bei der Verlosung dabei. Ich drücke die Daumen!

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