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Anerkennung, Ruhm und Unsterblichkeit – oder warum inszenieren wir uns selbst?

Was bewegt einen Menschen dazu, seine Tagebücher zu veröffentlichen? Aufzeichnungen, die doch eigentlich nur für einen selbst bestimmt sind – um das Leben zu reflektieren, Ereignisse festzuhalten, Gedanken zu ordnen oder sich Probleme von der Seele zu schreiben. Sind es die gleichen Motive, die Menschen dazu treiben, ihr Leben – auch die privatesten Momente – auf den Social-Media-Kanälen zu teilen und damit der Öffentlichkeit preiszugeben?

Das Theaterkollektiv Portfolio Inc. geht mit dem Stück „Die Männerspielerin“, das am 25. Februar im Theater unterm Dach Premiere hatte, der Frage nach, warum Menschen sich selbst inszenieren – zum einen anhand der Schriftstellerin Anaïs Nin, zum anderen anhand von Postings auf Social-Media-Portalen. Das Stück spielt im Wechsel auf zwei Ebenen. Zum einen werden Zitate von Anaïs Nin, zum Beispiel aus Gesprächen mit dem Tiefenpsychologen Dr. Otto Rank und ihrem Geliebten Henry Miller, wiedergegeben. Zum anderen werden die Motive durch ein imaginäres Gespräch eines Facebook-Users mit seiner Psychologin und die Videobeichte einer gescheiterten Instagramerin beleuchtet.

Die Männerspielerin

Die Männerspielerin

Anaïs Nin ging es vor allem um die gesellschaftliche Anerkennung als Künstlerin, um Ruhm und Unsterblichkeit. Ruhm und Anerkennung treiben auch Youtuber, Blogger und Instagramer an. Dazu kommt das Bedürfnis sich mitzuteilen, auf sich aufmerksam zu machen und möglichst finanziell davon zu profitieren.

Anaïs Nin hat ihre Tagebücher veröffentlicht und damit geschafft, was ihr vorher nicht gelungen war: Als Schriftstellerin anerkannt und berühmt zu werden. Für Anaïs Nin waren Schreiben und Leben untrennbar miteinander verbunden: „Ich lebe, um zu schreiben, und schreibe, um zu leben.“ Vielleicht fasste sie auch deshalb den Begriff Kunst sehr weit: „Es gibt immer etwas Schöpferisches zu tun. Ich denke daran, was alles Kreativität erfordert: ein Zimmer einrichten, ein Kleid entwerfen, ein Kind gebären, eine Pflanze zum Blühen bringen, eine Mahlzeit bereiten. Für mich ist alles schöpferisch, solange man im Leben schöpferisch ist: zwischenmenschliche Beziehungen, jede produktive Leistung, die eigene Persönlichkeit, welche die Gemeinschaft bereichert.“ Aus dieser Sicht wäre vieles, was heute in den sozialen Medien geteilt wird, kreativ und schöpferisch – also Kunst.

Die Inszenierung geht aber noch einen Schritt weiter: Was passiert mit uns, wenn wir unser Leben derart öffentlich zur Schau stellen? Warum machen erwachsene Menschen ihr Selbstwertgefühl von Likes, Smileys oder Herzchen abhängig? Können die sozialen Medien unser Bedürfnis nach Verbundenheit, Anerkennung und Vervollkommnung wirklich erfüllen? Oder verpassen wir vielleicht unser „richtiges“ Leben, weil wir immer, wenn wir etwas Spannendes oder Schönes erleben darüber nachdenken, auf welchen Kanal wir es posten sollten?

Thomas Georgi und Judica Albrecht wechseln ihre Rollen mühelos. Foto: portfolio inc.

Thomas Georgi und Judica Albrecht wechseln ihre Rollen mühelos. Foto: portfolio inc.

In „Die Männerspielerin“ werden nicht nur Fragen gestellt, sondern viele Informationen, Erklärungen und Hintergründe geliefert. Obwohl es keine eigentliche Handlung gibt, ist das alles andere als langweilig: Dialoge wechseln mit Monologen, Sprechoper mit Tanz. Die beiden Schauspieler Judica Albrecht und Thomas Georgi schlüpfen mühelos in die unterschiedlichen Rollen. Besonders beeindruckend ist der Kostümwechsel, der gleichermaßen schnell und unauffällig geschieht. Die Texte werden außerdem mit Videoinstallationen und Bildprojektionen illustriert. Trotz der vielen Informationen bleibt so genug Raum für eigene Reflexionen.

Anaïs Nin hat ihre Tagebücher vor der Veröffentlichung kuratiert und nur das preisgegeben, was sie auch preisgeben wollte. Sie versuchte damit, ihre Unerreichbarkeit zu bewahren, den letzten Schleier nicht lüften. Welches Bild ist heute von Anaïs Nin geblieben? Portfolio Inc. hat diese Frage auf Twitter bzw. Facebook gestellt. Die User sollten spontan den Satz: „Anaïs Nin das ist doch die…“ vervollständigen. Antworten waren zum Beispiel: „die mit der geheimnisvollen Erotik im Blick“, „die mit den Sexbüchern“, „die mit gepfeffertem Sex“ oder „die Pornotante vom Miller“. Anaïs Nin, die Männerspielerin also. Ich gehe davon aus, dass die Realität und ihr Bild von sich selbst wesentlich vielschichtiger gewesen sind.

Es stellt sich die Frage: Welches Bild wird von uns bleiben? Spielen wir auf unseren Social-Media-Profilen Rollen oder geben wir ungeschützt unser Privatleben, unser wahres „Ich“, preis? Wieviel Macht über unser Leben räumen wir den sozialen Medien ein: Sind wir rund um die Uhr online oder können wir unser Leben auch ohne Internet genießen? Wie man mit den sozialen Netzwerken umgeht, muss letztendlich jeder für sich entscheiden. Vieles spricht zumindest aus meiner Sicht dafür, den letzten Schleier nicht zu lüften.

Weiterführende Links:
Projektblog zu „Die Männerspielerin“

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